Dezember, 2020

Terrorist sein

Die Psyche des Terroristen jenseits dessen Verurteilung verstehen am Beispiel des Anschlags vom 2. November 2020 in Wien.

Text   Dr. Ute Müller-Spiess

Gibt man bei Google den Begriff „Terrorist“ ein, bekommt man eine Fülle von mehr oder weniger wissenschaftlichen Diskursen über Terrorismus, jedoch nur einige wenige Einträge über den Durchführenden, den Terroristen. Wer führt den Terrorismus durch, wer bricht mit der Reale ein, in wessen Dienst? Welcher schwarze Gott leitet ihn? Medial ist zu lesen: Er mordete und verletzte sie, die Opfer, einzig aus Gründen ihrer Religion und ihrer Herkunft. Ist das so?

Ohne Erkenntnis über den Täter bleibt Hilflosigkeit und Polarisierung. Medial ist weiters zu lesen: Nach der Tat kennt den Terroristen jeder, niemand die Opfer. Stimmt das? Weiter: Der Täter wurde innerhalb von neun Minuten „ausgeschaltet“, „neutralisiert“. Wer kann da behaupten, er kenne den Täter und dessen intime Beweggründe? Und: Die Polizei hat in dieser Nacht einen hervorragenden Job gemacht. So steht es und es steht außer Diskussion, dass es auch so war. Was über bleibt, ist das Gefühl, nicht alles zu wissen.

Der Terrorist, ein Mörder als Selbstmörder. Bei Søren Kierkegaard ist nachzulesen: „Nicht einmal ein Selbstmörder macht es jetzt in [seiner] Desperation mit sich ab, sondern er überlegt [in der Regel], diesen Schritt so lange und so umständlich, bis er von Verständigkeit erstickt wird, so dass man daran sogar Zweifel hegen könnte, ob er wirklich ein Selbstmörder genannt werden darf, insoweit es doch vor allem der Verstand war, der ihm das Leben nahm.“ Nun, welche Eigenschaften sind für den Terroristen einzigartig und essenziell? Nicht alle Aggressionsformen sind subsumierbar, selbst wenn sie auch zu unserer allgemeinen Verunsicherung beitragen.

Terrorismus ist immer ideologisch bestimmt. Die jeweilige Ideologie rechtfertigt die verübte Gewalt. Motive wie schlechte soziale und wirtschaftliche Umstände oder psychische Störungen können zwar eine Rolle spielen, sind aber bei der Definitionslegung des Terroristen und Erklärung des Aktes, des „acting outs“ niemals von ausreichender Relevanz. Es ist Tatsache, dass Terrorismus und Ideologie fest verknüpft sind. Aber wie entwickelt sich darin die individuelle Motivation? Wie kann die Psyche des terroristisch Aktiven damit in Verbindung gebracht werden? Welche seelische Abweichung oder Nichtabweichung wird uns nun beschäftigen?

Als Psychoanalytiker sind wir zerrissen zwischen (tiefer) Abscheu solchen sozialen Schreckenstaten gegenüber und einer therapeutisch-analytischen Haltung, die uns tagtäglich beeinflusst.
Oft werden mir Nachsicht, Toleranz und zu viel verständnisvolle Einstellung vorgeworfen. Jedoch kurzsichtig gedacht. Den Terroristen als Opfer seiner Umstände zu sehen, wird niemals ausreichen. Diese psychologische Einstellung und Toleranz gegenüber Kriminalität würde in diesem Fall sogar eine potentielle Behandlung des Terroristen negativ beeinflussen. Die psychoanalytische Haltung birgt immer, seit Freud, das Wissen eines psychischen Kontinuums. Damit verwischen sich die Grenzen zwischen bewusst und unbewusst, zwischen phantasierten Taten und deren potentiellen Verwirklichung, zwischen Phantasie und Realität, zwischen normal und nicht normal. So ist beim Psychoanalytiker und dem der Psychoanalyse verwandten, kundigen Menschen die strikte Unterscheidung zwischen Gut und Böse unterminiert.

Zu einfach wäre es, den Terroristen als eine psychische Aberration zu diagnostizieren. Vor dem Hintergrund des Wissens über menschliche Spaltungsmechanismen, z.B. projektiver Identifizierung, laufen sogar Fachleute Gefahr, den Terroristen aus fehlgeleiteter Motivation zu verurteilen, da der Vorwurf, eigene Mordgelüste entlastend in den Terroristen zu projizieren, stets in den Augen des Gegenübers vermutet werden kann. Es wird leichter, wenn wir unsere Diskussion damit beginnen, dass wir den Terrorismus aufs schärfste ablehnen, die Psyche des Terroristen jedoch – sei es auch leidenschaftlich wie ich – hinterfragen wollen. Wir sind auf der Suche zu identifizieren, was den Terroristen zum Terroristen macht.
Jugendliche beschäftigt nach dem Selbstmord eines anderen häufig die Frage, „Könnte ich das auch?“ Keine Antwort ist in diesem Fall die beste: „Ich weiß es nicht“. Die erleichternde Antwort, die den Unterschied zum Selbstmörder hervorhebt, muss ausfallen.

Der ungarische Neurologe und Psychoanalytiker Sándor Ferenczy beschreibt in der elastischen Therapie und Nachnährung – ein treffend schöner Begriff – die Sprachverwirrung, die pathogenetische Wirkung und den Terrorismus leidender Mütter und deren Auswirkung auf das sich schnell mit dem phantasierten Angreifer (der Mutter) identifizierende Kind. Das Kind, das viel zu früh in die Verteidigung der Mutter rutscht. Terrorismus sagt hier etwas über die Auslöschung der Existenz des Anderen aus, über jene Missachtung gegenüber den realen Bedürfnissen des Anderen, des Kindes der leidenschaftlich leidenden Mutter. Das Kind ergibt sich schnell in eine Art Auflösung seines Eigen und macht sich zum missbrauchten Handlanger der masochistisch terrorisierenden Mutter.

Auch Donald Winnicott spricht von einer Entwicklung zur Delinquenz des Jugendlichen bei früher Deprivation: „Im Verlaufe des Entwicklungsprozesses der Pubertät und des Jugendalters gibt es immer irgendwo tief im Unbewussten die Phantasie vom Tod irgendeines Menschen.“
Tod und eigener Sieg sind mit jedem Reifungsprozess und mit dem Eintritt des Erwachsenenalters verbunden. Das ist nicht nur eine Schwierigkeit für Eltern, sondern auch für den Jugendlichen, der voller Scheu vor Mord und Sieg, die zum Reifungsprozess gehört, zu uns in die Praxis kommt. Diese unbewusste Problematik kann als Selbstmordimpuls, als tatsächlicher Suizid, aber bereits als im weitesten Sinn Mordslust [Anm.: Erweiterung] verstanden werden.

Damit sind wir beim Thema der Unreife des Jugendlichen. Ein Kind, das zu früh die Verantwortung der Eltern tragen muss, wird seine Welt des Spiels, seine Spontanität und Kreativität nicht ausreichend erfahren können. Wenn Eltern genau in dieser Zeit, aus welchen Gründen auch immer, psychisch oder real bedingt verschwinden, in dieser Zeit, in der die Phantasie von Mord und Sieg den Jugendlichen leiten, danken sie in dem Augenblick ab, wo die Mörder kommen. Rebellion hat keinen Sinn mehr. Der Jugendliche verfängt sich in seinen eigenen Schlingen, er muss Diktator werden und sich zur Wehr setzen, um nicht selbst getötet zu werden. Hier gefährdet sich die Gesellschaft bereits, wenn sie die unbewusste Motivation ignoriert. Unreife ist das Kennzeichen und die Kostbarkeit des Jugendlichen.

Das Material aus der täglichen psychoanalytischen Praxis könnte hier von Nutzen sein, über das Verständnis dieser Unreife auch deren potentielle Gefahr zu berücksichtigen. Jede Übereilung auf dem Weg zur Reife bringt eine falsche Reife, selbst wenn der Jugendliche sie verlangt und behauptet. Wenn wir uns also nicht beeilen (müssen), können wir sein Ringen als das Aufregendste, das das Leben bietet, auffassen. Seine Vorstellungen von der idealen Gesellschaft sind herausfordernd, richtig und faszinierend.

Auch die des Terroristen. Natürlich. Enthoben der äußeren Signifikanten wie Kultur und Religion erlebt der jugendliche Terrorist (die meisten sind zwischen 18 und 25 Jahre) natürlich die gleichen Zeiten der Reifung und Unreife. Idealismus ist eine der Abfolgen. In unlösbarer Verknüpfung mit Terrorismus. Der jugendliche Terrorist besitzt wie jeder andere Jugendliche einen plötzlich in Brand gesetzten Idealismus. Keine Desillusionierung kann seine idealen Pläne schmälern. Deren Umsetzung kann nicht sein Problem sein, denkt der noch in der Phantasie lebende Jugendliche. Das ist die Verantwortung der Elternfiguren, weiß er. Der Terrorist jedoch ist wiederum deren Handlanger geworden, wie zu Zeiten der Kindheit, als er sich mit den Angreifern der Mutter, der Elternfiguren identifizieren musste, um seinem Dilemma zu entrinnen. „Allahu Akbar“ rufen sie. Im Dienste unseres Gottes, der Eltern und meines Gottes. Viel wichtiger, der der Eltern, für deren Glück ich morde und mich selbst morde. Seine Elternfiguren wollen und brauchen ungeachtet der äußeren Signifikanten ihre Kultur und Religion, um ein identes Leben leben zu können, um ausreichend zufrieden zu sein. Nur deren Glück bedeutet Sicherheit für mich als ihr Kind, einen sicheren Raum, um meinen Wunsch nach kindlichem Spiel nachholen zu können.
In der unbewussten Phantasiewelt geht es nun um alles, um Leben und Tod.

Verweise:
Kierkegaard, Søren: Kritik der Gegenwart. Brenner Verlag Innsbruck, 1914 (1846)
Ferenczi, Sándor: Sprachverwirrung zwischen Erwachsenen und dem Kind. Die Sprache der Leidenschaft und der Zärtlichkeit. Psyche 21, 1967 S. 256-265. Während eines Vortrages 1932 hat Ferenczi den Begriff „Terrorismus“ erstmals in der Psychoanalyse und in Zusammenhang mit der leidenden Mutter angewendet.
Winnicott, Donald: Vom Spiel zur Kreativität. Klett-Cotta, Stuttgart: 2015, S. 164
Ebenda, S. 165

https://de.magglance.com/Magazine/09000dae01d62e35c119e856590efb18/white
https://www.vhs.at/de/e/urania/b/2020/12/02/terroristsein