Stille und Einsamkeit
„Da ist kein Loch in meinem Stoff, der zu reparieren wäre ,
der ganze Stoff meines Seins ist marod“ ( délabré )
„J‘ai froid, j‘ai faim“
Die Mutter als die Wortträgerin, (wie sie Piera Aulagnier bezeichnet,) als porte parole, ist diejenige, die das Gesetz der Mutter, die ersten Worte, mit seiner Mehrdeutigkeit, mit seiner Lalangue in das Leben des kleinen Kindes einschreibt.
Eine Ambiguität, die von da an den Menschen begleiten wird, da es nicht eine Übung ist, sich davon zu verabschieden sondern die unendliche Wiederholung einer Trennung, die immer neu scheitert, da sie vielleicht unmöglich ist, sagt Geneviève Morel und erinnert an den Gute Nacht Kuss von Marcel Proust, immer und immer wieder, immer und immer wieder.
Seine Sehnsucht, das unwiederbringlich Verlorene in Form eines DA, einer Gute Nacht Begrüßung wiederzufinden.
Dabei nimmt er jedes Mal die Furcht, seine Locken im Wiederholungszwang zu verlieren, genießend auf sich, es treibt ihn regelrecht an, sich in dieser Zeit des ersten Gesetzes aufzuhalten.
Lacan nimmt im Seminar V Bezug auf das Gesetz der Mutter und bedeutet es als ein selbstverständliches, da die Mutter ein sprechendes Wesen ist, jedoch als ein unkontrolliertes Gesetz.
Geneviève Morel erweitert es zu einem mehrdeutigen, zu einem der ersten Worte. Keine Kommunikation, eher Zitat.
Es steht in Beziehung zum mütterlichen Genießen, zu Lust und Leiden und wird sich von da an in das Unbewusste des Subjekts einschreiben.
Wie kann ein Kind die Angst vor der Trennung überwinden um dem mütterlichen Genießen, dem Phantasma zu entwachsen?
Ist es allein das Annehmen des Kastrationskomplexes?
Nicht immer wird das gelingen.
Es gibt den Signifikanten der Abwesenheit, das FORT der Mutter, der den Mangel einführt,
und es gibt das DA, die konkretistischen Worte, die ein Zuviel der Anwesenheit bedeuten können.
Das Ideal-Ich fordert nach Lacan zu einem unbegrenzten Genießen auf, im Sinne einer imaginären Ganzheit im Spiegelstadium.
Das zweite der Doppelung des Über-ich’s, das Ich Ideal fordert die Grenze, den Stepppunkt des Genießens, das Kastrationsmoment, das das Kind zu einer Kultur im Sinne einer symbolischen Ordnung auffordert.
Diese Vatermetapher erweitert Lacan in den 50 er Jahren um einen anderen Signifikanten, das Begehren der Mutter.
Chantal Akerman, die belgische Filmemacherin, beschreibt und bespielt besonders in zwei ihrer Filme,
„aujourdhui dis moi“, 2014, sowie „No Home Movie“ (2015) die ungetrennte Beziehung zu ihrer Mutter, Natalija, das Genießen, in deren Phantasma zu verharren.
Während der Arbeit liegt sie in allen Städten in den jeweiligen Hotelbetten, um „behaust“ zu sein, um sich in dieser, wie verschluckten Stille, der Mutter nicht zu weit entfernt zu fühlen.
Tod und Leben befruchten sich in Akermans Filmen mehr als sie sich ausschließen, Depression und Manie, Frohsinn und Komik neben Selbstmord und Gewalt befinden sich in einem nicht aufzulösendem Dialog in ihr, sagt die Pariser Rabbinerin, Delphine Horvilleur, in ihrer Begräbnisrede.
Durch ihr gesamtes Werk ziehen sich Erinnerungen, Tagebücher und Briefe ausschließlich die ihrer Mutter und ihrer Großmutter, mütterlicherseits. Die Großmutter überlebte den Holocaust nicht.
Ihre Mutter Natalija, wie ihre Großmutter, litten beide an, ich nenne es horizontalem und vertikalem Heimweh. Beide hatten Heimweh nach ihrem verlorenen Geburtsland Polen, das horizontal von Belgien aus gesehen, la bas, dort drüben unten, genannt wurde.
Die Großmutter litt an einem doppelten Heimweh, auch an einem zeitlichen, vertikal, nach der Vergangenheit vor dem Krieg, als alles anders war, was noch schwerer wiegte und kopflos machte.
Nur das Phantasma konnte den Schmerz abmildern und ihn erträglich machen.
Der Nebel des Phantasmas , das andersfarbig war, das horizontal und vertikal in ihren herausragenden Filmen auftaucht, in denen sie mit ihrer Mutter und Müttern (eigentlich -dites moi), 1980, arbeitet und gleichzeitig Zuflucht bei ihnen findet.
Akermans Position erinnert an die von Jean Jaques Rousseau. Rousseau ist in seinen Wurzeln heimwehkrank, horizontal in konkreter Sehnsucht nach der Heimat Schweiz, vertikal im Verlust seines Rahmens, aufgelöst im Nirgendwo im Sehnen, das weder Raum noch Zeit erfüllt und unstillbar geworden ist.
Zwischen Naturforschung und Philosophie. Er beschreibt dieses in seinem Contrat Social als einen URSCHREI der Entfremdung.
Als ob Chantal nie in ein, nicht einmal irgendein eigenes Leben eingetreten wäre. Nur in ihren Filmen.
Sie lebt durch Mütter und Großmütter hindurch.
Selbst nicht da. Entfremdet mit einer diffusen Sehnsucht.
Die Überwindung des Mangels ist ihr fremd.
Sie verbleibt in einem Raum, den D.Winnicott als einen Übergangsraum, eine schlaftrunkenen Vorahnung dessen, was für Freud 1900 (Seite 538 ) die zukünftige Not des Lebens bedeutet.
Für Laplanche bedeutet es das „eingeklemmte“ Unbewusste, das nicht durch den Namen des Vaters ging, ein Ort des Stillstands aber auch ein Ort der Erwartung, eine Art Fegefeuer für die Botschaften im Wartezustand.
Fort. Da.
Sag mir, wo begegne ich mir.
In ihren Filmen zeigt sich sowohl ein geographischer wie psychischer Topos, ihr locus natalis, ihr locus naturalis, taucht in Brüssel auf.
Nach Aristoteles, seiner Lehre vom Topos, verfügt jeder materielle Körper über einen Ort, der im eigen ist und der sich von seiner Lage und Orientierung (thesis) unterscheidet.
Echei Tina dunamin, dieser Ort hat eine gewisse Kraft, ein gewisses Streben.
In ihrem Film, No Home Movie, 2015, zeigt sich dieser locus naturalis, ihr locus natalis bei ihrem letzten Besuch in Brüssel, in dortigen Gesprächen mit ihrer Mutter.
„ Ich mache alles, Chantal, sagt ihre Mutter, aber ich werde nicht erzählen, denn dann werde ich verrückt. Da gibt es nichts zu sagen.“
In einem ihrer ersten Filme, „Saute ma ville“, 1968, sprengt sie sich ,nachdem sie einen Brief ihrer Mutter verbrannt hat mit dem Gasherd in die Luft, nimmt Wohnung, Haus und die ganze Stadt mit sich. Das ist die Antwort an ihre Mutter, die nicht redet.
Die ständige Jagd nach Nahrung, die, wenn sie gefunden wird, regelrecht verschlungen wird. J‘ai froid , j‘ai faim“ 1984, lässt eine Leere spüren, die von einer unbeschreiblichen, unverantortbaren und unsagbaren Realen und Unverortetheit zeugt.
Die Leere von DAS DING , ein Imaginäres ohne Verankerung, dem das Gewicht des Realen fehlt, treibt sie.
Nur im Stepppunkt, wenn das Wort der Mutter die Sache benennt begegnet sie sich.
Dann kann es passieren, dass sie kippt, manisch wird und das
Spektakel auf einer Seite der Bühne in einer Passage a l acte verlässt und ins Reale springt.
„Meine Mutter ist tot, es gibt keinen Sinn, weiter Filme zu drehen“.
Und ohne Arbeit, befruchtet durch das DA der Mutter, kann sie nicht leben.
„ ich frage mich, was ich jetzt, da meine Mutter nicht mehr da ist, noch zu sagen habe.“
Ihre Psychose beschreibt sie so: „Da gibt es nichts zu reparieren, der Stoff meines ganzen Seins ist marode.“
Chantal Akerman hört zu, ähnlich einer Psychoanalytikerin, sie ordnet nicht, sie strukturiert nicht, deutet oder skandiert nicht. So macht sie es möglich im Film „dis moi“, Mütter und Großmütter sprechen zu lassen.
Immer und immer wird sie aufgefordert zu essen, „ wenn Du nicht isst, spreche ich nicht weiter, sagt ihre Mutter. Sie isst ein lakes, ähnlich einer Kommunion, von dem „was übrig bleibt von der jüdischen Tafel“, wie es Roberts 2019 sagt im Retrospektive Handbook schreibt.
„Es gibt nichts zu erzählen, sagte meine Mutter und es ist dieses Nichts an dem ich mich abarbeite.“
Ich bereite mich auf ihren Tod vor. „Wie machst du das, fragt jemand. Ich versuche mir mich ohne sie vorzustellen. Und ich denke, das wird gehen. Oder das Gegenteil. Aber anscheinend kann man sich nicht richtig vorbereiten, also vergeude ich meine Zeit. Meine Mutter hat schreckliche Lebenslust.
„Und du?“ „Ich habe keine Ahnung.“
Chantal Akerman sah aus als könnte sie überall zu Hause sein. Sie konnte es nicht. Nur in Paris und New York war sie zu Hause.
Im Film Là Bas, 2006, das ist Israel, da unten, wie Polen und die Lager für ihre Mutter da drüben sind von Bruxelles aus gesehen, verlässt sie kaum das Bett.
Sie filmt aus dem Bett durch Jalousien auf fremde Balkone und Terassen.
Nur für ein einziges Mal verlässt sie das Appartement um allein am Strand zu stehen.
Das Zimmer, das Bett scheint dem Zuseher einem Gefängnis gleich. Die Kamera sieht durch das mit Strohjalousie verhangene Fenster statisch nach außen. Es ereignet sich nichts. Draußen ist Tel a viv.
Dazwischen die dunkle, von Zigaretten gerauhte Stimme, die ins Telefon spricht : „Nein, danke, es geht mir gut, ich versichere es Dir.“
Dann spricht sie über ihre Tante Ruth, deren Vater, Chantals Großvater, ein chassisischer Rabi aus Belz ihr verboten hat zum katholischen Glauben überzutreten. Sie hatte den Krieg in einem Kloster überlebt.
Die Zeit in Là bas scheint still zu stehen. Es ist einer der eindrucksvollsten und aussagekräftigsten von ihren 40 Filmen geworden.
Nur die Kraft ihrer Begabung schiebt und treibt den Film mit ungeheurer Schubkraft in der Hitze voran.
Und doch ist in Là bas ihre Auseinandersetzung mit der Fremdheit in der Welt, die sie nur im Bett verlässt und die Verständnislosigkeit, die sie Freunden und Verwandten gegenüber spürt, die sich um sie sorgen, da soeben ein Selbstmordattentat im Häuserblock daneben stattgefunden hat. „Du hast es gut, dass Du schlafen kannst.“ hört sie am Telefon immerzu.
Chantal Akerman ist bereits als Kleinkind in eine Welt der Lager und deren Folgen hineingeboren.
Es gab keine Unversehrtheit.
Und so gibt es keine Ruhe vor Verfolgtheit.
Um zu schlafen braucht es jedoch Stunden der Ruhe.
Literaturverzeichnis
Akerman. Chantal, (2022), Meine Mutter lacht, Wien Diaphanes
Aulagnier, Pierra.;(1975): La violence d‘ interptretation, Paris, PUF
Freud, Sigmund (1915) Das Unbewusste. GW. X, 264-303
Laplanche, Jean ( 2014) Leben und Tod in der Psychoanalyse. Gießen Psychosozial Verlag
Lacan, Jaques (1995), Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse, Kapitel 2, Das Freud sche Unbewusste und das unsere, Seite 23, ff. Deutsche Ausgabe, Turia und Kant Wien.
Morel, Geneviève , (2017) Das Gesetz der Mutter.
Deutsche Ausgabe, Turia und Kant, Wien
Rousseau, Jean Jaques (1762) Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes.
Erstveröffentlichung Le contrat social 1762.
Roberts Adam (2019): Chantal Akerman Retrospective Handbook, 2019, 188ff
Winnicott, D.W.(2008): Von der Kindheitheilkunde zur Psychoanalyse, 2. Auflage, Gießen, Psychosozial Verla, 2020, Seite 295.