Das Wesen des Wahnsinns zu suchen, ihn auf eine reine Definition oder psychiatrische
Diagnose zu reduzieren, bedeutet meist den Versuch, ihn zum Verschwinden zu bringen.
Sich dem Wahnsinn zu nähern, heißt mehrere Diskurse, eine Unentschiedenheit und ein
Oszillieren in Kauf zu nehmen. Denn man kann den Wahnsinn nicht berühren, ohne von ihm
berührt zu werden.
„Tout le monde est fou“ – „Jeder ist verrückt“ (Miller 2022). J. A. Miller stellt in seinem
Exposé zum heurigen (2024) Kongress der Association mondiale de psychoanalyse, der
Neuen Lacan‘schen Schule fest, dass „in der heutigen Zeit der Entpathologisierung und der
Versuche, die Klinik durch das Gesetz zu ersetzen, die Lacan‘schen Psychoanalytiker nicht an
die psychische Gesundheit glauben. Jeder hat einen verrückten Zug“ (Miller 2023).
Will der Aphorismus, „jeder ist verrückt“, den singulären, je einen Wahnsinn heute zum
Verschwinden bringen?
In der heutigen Generalisierung dieses Aphorismus, in dessen Pendant, ein „jeder ist
normal“ steckt, besorgt oder droht eine mögliche Verleugnung des Realen, eine Verleugnung
von Geisteskrankheiten, von Differentialdiagnosen und Diagnosen wie Schizophrenie und
Paranoia.
Das Generalisierte ist eine imaginäre oder symbolische Konstruktion.
Demgegenüber steht die Partikularität der Logik des Symptoms, die zu beschreiben eine
Reduktion verlangt, in der die endlich vielen Augenblicke innerhalb der Übertragung auf
ihren einzigen Zug reduziert werden, damit der Gehalt eines jeden Falls in seiner
Einzigartigkeit zum Vorschein kommt.
Der Wahn des Geisteskranken ist allerdings keine Konstruktion, sondern die Verwerfung
eines Elements aus dem symbolischen Register, das im Realen wiederkehrt. Er leidet an
einem rätselhaften Signifikanten, der seine Bedeutung sucht.
Der Nicht-Psychotiker ist in der Lage, seinen Bezug zur Welt und somit zu den Anderen zu
symbolisieren. Der Psychotiker ist angewiesen auf eine imaginäre Umdeutung des Anderen,
da er ihn nicht ausreichend integrieren konnte.
Die heutige Demokratisierung dieses Bonmots, Jahrzehnte danach, die Jaques Alain Miller
wie aus einem alten Möglichkeitsraum hervorgeholt hat, verzerrt diesen frühen Aphorismus,
nimmt ihm seine ursprüngliche Bedeutung und kämpft damit wieder um eine Art Stepppunkt
in Form einer neuen Diagnose.
Vielleicht werden demzufolge wieder biologisch anmutende Phänomene wie das
Elementarphänomen, automatisme mental und starre Terminologien wichtig?
Als Lacan das Elementarphänomen zur Struktur machte, es damit zum Leben erweckte,
einen Signifikanten pflanzte, holte er es aus der starren Terminologie Clérambeaults und
setzte es mit seinem treffenden Begriff des „fruchtbaren Moments einer Psychose“ in
Bewegung.
Bereits im 17. Jahrhundert schreibt Blaise Pascal, ein Mathematiker und Denker der
damaligen Zeit: „Wir sind alle verrückt. Die Menschen sind so notwendig verrückt, dass
Nicht-verrückt-sein hieße, verrückt sein nach einer anderen Art Verrücktheit.“ (Pensées I,
33). 1
Auch J. Lacan hält durchgehend im Seminar II am Begriff des Wahnsinns fest (vgl. Lacan
1966, 9- 71).
Die strukturanalytische Sichtweise, wie sie Jacques Lacan bereits in den 1950er-Jahren
(Lacan 1981/1987) erarbeitet hat, lässt die Hypothesen im Titel des Beitrages besser
verstehen. Einen Großteil seines Seminars über die Psychosen von 1955-1956 und vor allem
auch seine Arbeit Über eine Frage, die jeder möglichen Behandlung einer Psychose
vorausgeht (Lacan 1996/2015) hat Lacan Sigmund Freud und Daniel Paul Schreber bzw.
dessen Buch Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken (1903) gewidmet.
Wie man sich vorstellen kann, ist Psychose nicht gleich Psychose. Man unterscheidet
vorwiegend die Schizophrenie, die Paranoia und manische wie depressive Erkrankungen. Die
Schizophrenie, von Freud als Paraphrenie vorgeschlagen, aber wegen wenig Interesse
wieder fallengelassen, war immer eher Stiefkind der Psychoanalyse. Freud und Lacan trugen
ungleich mehr zur Paranoia bei.
Schreber und seine Denkwürdigkeiten wurden für Freud, ohne, dass er ihn persönlich
kannte, zum Paradebeispiel für sein Studium der Paranoia. Für Lacan war dies der Fall Aimée
– eine Patientin, die er zwei Jahre lang behandelte. Während dieser Behandlung verfasste er
seine Dissertation über Selbstbestrafungsparanoia und arbeitete seine Sichtweise über
Halluzinationen aus (vgl. Lacan 1932/2002, 155f).
Man sagt, beide Patienten stünden in der Schuld der jeweiligen Analytiker. Freud
(1908/1969, 213-226) sagte damals, wir, die Kliniker, lernen von den Kranken und den
Schöpferischen, den Dichtern. Ganz anders der Psychiater Eugen Bleuler in der
Psychiatrischen Klinik Burghölzli in Zürich. Er befasste sich vorwiegend mit der Schizophrenie
und subsumierte die Paranoia der Schizophrenie.
Hervorzuheben ist noch Richard von Krafft-Ebing, der 1888 sagte, dass der Wahn die
Konstituierung des früheren geistigen Zustands des Subjekts sei und sich damit bereits von
Biologie und genetischer Auffassung abgrenzte (vgl. Sigusch 2004, 92-96).
Die früheren Erfahrungen des Subjekts werden wichtig: Emil Kräpelin (1896/1899) sagt noch
klarer, dass es in der Paranoia eine Ordnung des Denkens gäbe (er meint damit das
vorweggenommene Ich), und zwar ebenso in den Handlungen wie im Wollen. Der paranoide
Aufbau entwickelt sich schleichend ohne Bruch mit der Persönlichkeit. Es gibt hier eine
logische Kohärenz.
Psychosen spezifische und andere Abwehrformen
Lacan griff den Begriff der Psychosen spezifischen Abwehrform der Verwerfung von Freud
auf und bezog sie vorerst auf den Namen-des-Vaters.
Bei Freud bezieht sich die Verwerfung auf eine unerträgliche Vorstellung, die nicht verdrängt
werden kann und die in der Halluzination, wie von außen erlebt, wiederkommt im Sinne
einer Nicht-Anerkennung der Kastration wie im Fall des Wolfsmannes, der den Verlust des
kleinen Fingers halluzinierte.
Der Dualismus von symbolischer und signifikanter Ordnung zieht sich durch das gesamte
Werk Lacans und trägt zum Verständnis der Unterscheidung von Paranoia und Schizophrenie
bei.
Welche Rolle spielt die Verwerfung in der Paranoia, welche in der Schizophrenie?
Folgt man Lacan, so kann man die Paranoia als Verlust der Reflexion der symbolischen
Ordnung des Gesetzes, das dem Subjekt eine ethische Ordnung geben würde, auffassen; die
Schizophrenie kann man hingegen als Verlust der symbolischen Ordnung selbst
(einschließlich des eigenen Spiegelbildes) begreifen.
Eine wesentliche Voraussetzung, um psychotisch zu werden, ist eine psychotische Struktur
des Menschen. Was heißt das in Bezug auf die Verwerfung des/der Namen(s)-des-Vaters?
Fundamental oder grundlegend verworfen heißt, es gibt eine vorweggenommene
Fehlfunktion des Ödipalen. Hier heißt verworfen, dass der Name-des-Vaters im symbolischen
Universum nicht integriert ist bzw. nicht integriert worden ist, und dass deshalb in der
symbolischen Organisation des Subjekts eine Lücke besteht.
Um psychotisch zu werden, ist diese Lücke im Symbolischen Voraussetzung. Die Verwerfung
steht damit in Opposition zum Symbolischen.
Später, wenn im Realen der Name-des-Vaters seine Bedeutung erhalten sollte (z. B. bei
Schreber sein unerfüllter Kinderwunsch oder seine Belobigung im Beruf), ist das Subjekt
nicht imstande, den Vater zu assimilieren, da keine Grundlage dafür besteht. Die Lücke wird
manifest. Der Mangel des Vaters war nur auf das Bild des Vaters reduziert und damit
Symbolisches nur auf Imaginäres gegründet.
Die Verwerfung unterscheidet sich prinzipiell von der Verdrängung, der Verneinung und der
Projektion, die der Neurose im Vordergrund stehen, so wie auch von der Verleugnung, die
wiederum der Perversion entspricht. In der Verdrängung wird Unannehmbares verdrängt
und verweilt, zwar abrufbar, dennoch im Unbewussten.
Das verworfene Element kommt jedoch vom Realen, von außen nach innen, so erlebt in der
Halluzination. Sie ist ein aus der Kette gefallener Signifikant. Denn alles, was im
Symbolischen verweigert wird, kehrt im Realen wieder zurück, sagt Lacan im Seminar III
(Lacan 1981/1997, 21). In der Verneinung hingegen muss die Bejahung schon existiert
haben.
Sein ödipaler Konflikt ist hierfür grundlegend, wobei es zur Krise in dem Moment kommt, wo
ihm eine höhere berufliche Position vorgeschlagen wird und seine ungewünschte
Kinderlosigkeit durch Adoption überwunden erscheint.
In der Folge entsteht bei dem paranoiden Menschen ein überwertiger pathologischer
Narzissmus, wobei er im Wahn nach dem Gesetz sucht.
Bei der Schizophrenie hat sich das Ich aus dem Feld der Erscheinung zurückgezogen. Freud
nennt es eine Regression zum Autoerotismus. Nach Lacan entsteht in der Schizophrenie eine
Überwertigkeit des Signifikanten, der wiederum, isoliert stehend, ohne Bedeutung ist. Daher
die Neologismen und der Rückzug auf sich selbst. Die Restitution mit Hilfe einer
Wahnbildung ist zwar ein Versuch, Objektbindungen wiederherzustellen, bleibt jedoch meist
paranoid und scheitert häufig. Hier ist jedoch der Beweis für einen Rest zu finden. Das heißt,
in der Schizophrenie beobachten wir einen Kurzschluss von Signifikanten und dem Realem,
in der Paranoia hingegen vom Symbolischen und dem Realen. Es fehlt die ethische
Ausrichtung des Gesetzes.
Man kann also vorsichtig sagen, der schizophrene Mensch scheitert an seinen
Objektbeziehungen, der Andere wirkt hier enttäuschend, und er reagiert darauf mit Rückzug.
Die Repräsentanten des Anderen wirken furchteinflößend und abstoßend. Dies kommt
einem Verlust der Welt insgesamt gleich. Nur der Wahn rettet das Subjekt vor dem
endgültigen Zerfall.
Der Paranoide verliert jedoch nicht seinen Ort in der symbolischen Ordnung, sondern seine
Sinngebung. Hier wird nach Freud und Lacan die Erfindung, eine Trinität herzustellen,
wichtig. Der Sinn, der vom Anderen kommt, wird unerlässlich, um nicht in der Dyade Mutter-
Kind verloren zu gehen. In anderen Worten wieder mit Lacan gesprochen: Die dritte Instanz
kommt hier ins Spiel, um nicht in der Dyade verloren zu gehen, sodass die Trinität hier der
Erfindung des Wahns im Sinne eines fruchtbaren Moments entspricht.
Freud wiederum versteht dies als Selbstheilungsversuch und somit als den Sinn, der vom
Anderen kommt. Bei allen Neurosen kann man davon ausgehen, dass kein Register ausfällt.
Sowohl Symbolisches, Imaginäres und Reales sind fest miteinander und mit dem Symptom
verknüpft. Im Falle der Hysterie ist weder der Ausfall noch der Rückzug von der Realität von
großer Wichtigkeit. Und dennoch bleibt die Frage, ist die endlose Suche nach dem Gesetz
bzw. nach dem Vater nicht typisch für die Neurosen? Hier gibt Freud die Antwort: Der
Rückzug in der Hysterie ist nie ein totaler, denn im Unbewussten sind hier immer noch
Spuren von Objektbeziehungen vorhanden; Freud: „Selbst die Zweifel sind nicht ein Zeichen
des fehlenden Gesetzes des Subjekts, sondern nur eine Nicht-Gewissheit“ (Freud 2015/1969,
303).
J.-A. Miller führt in seinem Exposé aus, dass der Aphorismus „Alle sind verrückt“ (Miller
2023) aus der Zeit stammt, als Lacan die Abteilung für Psychoanalyse in Vincennes (eine
Stadt im südlichen Großraum von Paris mit 50.000 Einwohnern, ein Kind der Universität
Paris VIII und bedroht von Schließung) verteidigte. Es war ihm wichtig, verständlich zu
machen, dass der analytische Diskurs in einem Gegensatz zum universitären steht, bzw. ein
anderer ist. Er meinte „Psychoanalyse ist kein zu lehrendes Fach“ (Kultur/Klinik, Nr.1, 2013,
Der psychoanalytische Diskurs kann nicht gelehrt werden) –eine Diskussion, die sich bis
heute nicht erschöpft hat.
Diese Erkenntnis gehört zur Lehre der Psychoanalyse der 70er bis 80er Jahre, die der Beginn
einer demokratischen Arbeit mit den psychiatrischen Patienten war und das Gefälle
Psychiater versus Patienten in Frage stellen und die Brüderlichkeit hervorheben sollte.
Zur selben Zeit hatte in den Jahren der florierenden Hochdosierung mit Neuroleptika Franco
Basaglia die Öffnung der Psychiatrie vorangetrieben.
Miller erörtert in seiner Vorstellung, dass der politische Begriff der Brüderlichkeit im
Frankreich der 80er Jahre dem Begriff der Entpathologisierug wich und heute eine
Gleichmachung aller sprechenden Wesen bedeutet – jedem Individuum seinen Lebensstil – und sich somit der klinischen Beurteilung entzieht. Eine Art von Vaporisation von klinischen
Diagnosen beginnt.
„Jeder ist verrückt“, sagt Lacan 1978-79 und ergänzt diesen Satz in einem seiner letzten
Texte mit dem Titel „Der Moment des Abschlusses“ in der Zeitschrift Ornicar (Der Moment
des Abschlusses XXVI 1978-79) mit „jeder ist wahnhaft“ (Lacan 1978-79). Das Ende der Klinik
wird ab nun eingeleitet, jedoch mit klinischen Begriffen.
Die Suche nach Modellen und Wegen, um den Nullpunkt des Wahnsinns zu ergründen zeigt,
dass nur in Form einer Annäherung an diesen „point zero“ (Caroz 2023) geforscht werden
kann. Ein wesentlicher Begriff, eines der Modelle, entlang der zeitlichen Reihenfolge, in der
Lacan sich an die Psychose herangearbeitet hat, ist ein strukturanalytisch unterlegtes
Phänomen.
Das Elementarphänomen – ein biologisch-organisches Modell
Dazu wird es wichtig, den Vortrag J.-A. Millers (Miller 1987) – Die Erfindung des Wahns mit
der genauen Auseinandersetzung mit dem Elementarphänomen und dem Axiom und Binom
zu erfassen (bereits bei Lacan, Seminar 2 „In einer Frage, die jeder möglichen Behandlung
der Psychose vorausgeht“).
Der Wahn ist ein eigener Diskurs und somit elementar. Er ist ein artikulierter Diskurs, eine
Kombination aus Elementen, also ein elementares Phänomen. Im Blickwinkel der
mathematischen Logik ist er ein Axiom, also etwas, was nicht bezweifelt werden kann.
Hier beginnen die Schwierigkeiten organisch – nicht organisch.
Jeder trägt dieses Elementarphänomen in sich. Ein Element, das allen sprechenden Wesen
gemeinsam ist. Jeder trägt ein deliryoin in sich (im spanischen Delir + Ego).
Belässt man dieses Statement unhinterfragt, befindet man sich hier in der Annäherung an
eine biologische Definition. Hier wird bereits Lacan in seiner Dissertation 1932
widersprüchlich. Er pendelt zwischen Elementarphänomen und Persönlichkeitsentwicklung
hin und her. In seiner Dissertation, Aimée 1932, gibt es sowohl elementare Phänomene als
auch Persönlichkeit und Charakter. Er befindet sich dabei im Denkmuster seines Lehrers und
Mentors Clérambault (Gaëtan Clerambault, 1872, Psychiater, Ethnologe und Fotograf). Sein Forschungsgebiet ist die Erotomanie in drei Phasen. Als Militärpsychiater, verwundet im
Krieg, stationiert in Marokko, fotografierte er Hunderte von Frauengewändern.
Clérambeaults „automatisme mental“ wird im Seminar III von Lacan (1981, 12) kritisiert,
insofern als dass Clérambeault dem Ablauf einer Psychose einen zwar nicht vorstellbaren
Charakter, jedoch manifesten Ablauf unterstellt. Eine Sinnsuche in klaren Abläufen. Im Falle
der Psychose handelt es sich um die Suche nach der Verstehbarkeit des Bruches, der in der
Psychose stattfindet.
Die Möglichkeit der Zusammenführung von Elementarphänomen und Wahnidee denkt Lacan
so: Das Elementarphänomen wie die Wahnvorstellung hat eine Struktur und somit die einer
Sprache. Lacan entzieht sich später dem Begriff Elementarphänomen und spricht vermehrt
vom fruchtbaren Moment, ein der biologischen Starre entzogener Moment. Das ist der
Anstoß: zuerst ein Moment der Ruhe, dann der Moment des Schubs, Perplexität,
Wahnanmutung, das treffendste Wort für diese Empfindung, ratlos, wie Stillstand. Die
Bedeutung ist nicht befriedigend.
Eines ist sicher, sagt Miller, Elementarphänomen und Psychose liegen ebenso in einer Linie
wie das UBW und die Neurose. Bereits 1880 meinte Kräpelin (1896, 789- 814), dass der
Wahn und die Persönlichkeit des Kranken auf einer Linie liegen.
Organisch-biologische Modelle sind naturgemäß starre Erklärungsmodelle. Sie werden als
Axiome gehandelt. Als Grundsatz, der keines Beweises bedarf und aus dem andere Aussagen
deduziert werden. Sieht man jedoch das Elementarphänomen als S1 und die Wahnidee als
S2, also als Bedeutungsgabe an, kommt durch die gemeinsame Struktur der Sprache
Bewegung in das Axiom.
Perceptum, percipiens, ein phänomenologisches Modell
Das phänomenologische Modell wird mit der Erinnerung an die Lacan’schen These, dass der
Blick dem perceptum immer näher sei als dem percipiens, zum möglichen Denkansatz.
Die bestehende Dialektik zwischen dem perceptum und dem percipiens findet topologisch
näher der Wahrnehmung statt (im Unterschied zu Merleau Ponty). In der beginnenden
Schizophrenie verschwindet das percipiens regelrecht in seinem perceptum. Es bleibt
demnach nur mehr das perceptum.
Im Moment der Halluzination kommt das percipiens nicht zur Interpretation des perceptums,
es bleibt passiv. Es „steckt“ im Elementarphänomen S1 fest, kommt nicht zu S2. Die
Halluzination ist ein aus der Kette gefallener Signifikant, der von außen (dem Realen) in die
ursprüngliche Kette „zurückdrängt“, um Bedeutung zu schaffen. Den Weg nach außen, den
Übertritt aus dem Symbolischen ins Reale, wenn der Signifikant ein zu viel an Genießen
trägt, beschreibt J.-A. Miller wie eine Dimensionsübertragung zwischen den Registern.
In der Interpretation des Wahninhalts ist das percipiens jedoch aktiv. Die Interpretation ist
die des Subjekts, es „leidet“ nicht mehr (S1 elementar, S2 Wahn).
Ist hier eine Referenz, eine Verbindung zur generalisierten Psychose herzustellen?
„Wo“ beginnt das Unbehagen, die Angst in der allgemeinen Psychose?
Mit der Frage nach dem Realen in der Angst kommt Bewegung in das Elementarphänomen.
Die Vermutung legt nahe, dass genau an diesem Punkt der Überlegung Lacan (1962) vom
„fruchtbaren Moment“ statt vom Elementarphänomen zu sprechen beginnt. Ein perfekt
gewählter Begriff, denn man kennt den lauschenden Ausdruck im Gesicht des psychotischen
Menschen in der Wahnanmutung, halb drinnen, halb draußen, abwartend, ausgeliefert in
diesem Moment, um das Axiom auch zum ‚treibenden‘ Moment zu machen. Wo könnte nun
die generalisierte, blande Psychose topologisch anzudenken sein? Ist hier eine
Unterscheidung zwischen Schizophrenie, Paranoia und der blanden, generalisierten
Psychose des Alle-sind-verrückt zu entscheiden?
Der akut schizophren-psychotische Mensch, dessen psychotische Struktur zu stark
beansprucht wurde durch ein Genießen, eine Perplexion, ein Entsetzen, eine Rüttelung
seines Elementarphänomens, die Einschlagstelle, point d‘ impact, regrediert durch die ihm
innewohnende generalisierte Verwerfung des Attributsurteils.
Dabei geht man von Lacans Verwerfung von 1954 aus. Hier betrifft die Verwerfung die
radikale, reine Aufhebung des ursprünglichen Ganzen, also die Aufhebung einer primären
Bejahung des Attributsurteils (alle sind mit einem Penis auf die Welt gekommen), des
Mythos des universalen Penis.
Betrifft die Verwerfung die primäre Bejahung bereits, das heißt die Abwesenheit jeglichen
Glaubens an den universellen Penis, die erste Phase der Kastration in der ödipalen
Entwicklung in Lacans erstem ödipalen Modell, befindet man sich im Feld der schizophrenen
Psychose, in der die Verwerfung des Namens-des-Vaters nicht im Vordergrund steht. Es wurde primär nicht bejaht. Ein Loch ist dort, wo Mangel und dessen Begehren die Rettung
wäre. Das Kind hat sich nicht dem Schrecken der Erfahrung der Kastration (der Mutter)
ausgesetzt. Der Weg der möglichen Regression in die Mutter-Kind Dyade ist somit
vorbereitet.
Die Verwerfung des Paranoiden betrifft allerdings nicht das Universelle, sondern den
Signifikanten des Namens-des-Vaters, des symbolischen Vaters, der mit der Sprache den
Mangel entstehen lässt und damit auch ein Begehren. Dieses Begehren wird dem
paranoiden Subjekt im Restitutionsversuch, einer Wahnidee behilflich sein.
Das Loch in der generalisierten Verwerfung ist das Beharren darauf, die Kastration der
Mutter anzunehmen. Klinisch scheitert der schizophrene Mensch an seinen
Objektbeziehungen, die Repräsentanten des Anderen sind furchteinflößend, ohne
Wahnbildung (S2) droht der Zerfall.
DAS PARANOIDE ICH DES ALLTAGSPARANOIDEN – Die Bedeutung des Spiegelstadiums in der
Psychose
Geht man der Entwicklung der Wahnbildung entlang, der zwei Zeiten des Spiegelstadiums,
wie Gil Caroz (2023) in The Degree Zero of Madness schreibt, die zerstückelte, zerrissene
erste Phase (noch im S1, im schizophrenen Symptomenkomplex, in der generalisierten Form
verhaftet) und folgt dann der Zusammensetzung des Spiegelbildes der zweiten Zeit in Form
einer geglätteten Oberfläche, S2, ist man in der Bedeutungsfindung, in welcher der glatte
Wahninhalt sich restituiert.
Hier kommt die Ich-Entwicklung mit den zwei Zeiten hinzu und somit der Begriff des
paranoiden Ichs. Die Argumentation lautet, dass der manifeste Paranoiker mit seinem
einzementierten Verfolgungswahn sein Ich sukzessive der Wahnbildung anpasst und wie
eine Rüstung trägt. Das ist Charakter- und Persönlichkeitsbildung (bereits 1932 schreibt
Lacan in seiner Dissertation über Persönlichkeit und Charakter). Das schlechte Genießen
wird nach außen verlagert und eine latent vorhandene paranoide Beziehung zum anderen
entwickelt. Das Entweder du-oder-ich des Spiegelstadiums ist einer der Zugänge zur ‚ganz‘
normalen Psychose des Alltags. Man sagt auch, die latent vorhandene paranoide
Bereitschaft.
Gil Caroz (2023) argumentiert, dass es nur die sprechenden Lebewesen sind, die den
Wahnsinn beweisen und betont damit wieder, dass das UBW wie eine Sprache konfiguriert
ist, eine Signifikantenkette, die das Genießen transportiert.
Caroz bezieht sich in seinem Text auf Miller (2008, 81-93), Clinique ironique, und schreibt,
dass der Psychotiker verrückt ist, da er das Genießen „im Anderen verortet und ihm dadurch
reale Konsistenz verleiht“ (Caroz 2023).
Man kann also sagen, wäre es möglich, im Wahn abstandslos im Sein zu sein, wäre das der
Inbegriff des vollendeten Genießens. Das Subjekt jedoch wüsste nichts davon, es wäre nur
Genießen. Es braucht den Anderen. Der Neurotiker genießt jedoch, indem er den Anderen
vereinnahmt.
Im Seminar III (Lacan 1981, 9-71) über die Psychosen fragt Lacan wiederholt nach dem
Unterschied zwischen Neurosen und Psychosen. In Bezug auf die Objektbeziehungen kann
man sagen, dass der Psychotiker fundamentaler liebt. Er streicht sich als Subjekt durch, mehr
noch, er schafft sich als Subjekt ab und lässt den fundamental Anderen zu. Die Psychose ist,
wenn der Andere die Initiative übernimmt.
Hier hilft Freud mit seinem Begriff des Realitätsverlusts (Freud 1924/1969, 367). Er sagt, dass
die Fantasie die Brücke zwischen Neurose und Psychose ist. Sie dämpft den Aufprall der
sexuellen Begegnung oder ist eine Erfindung zur Erneuerung. Die Liebe des Psychotikers ist
eine leere. Mit Freud gesprochen ist dies darauf zurückzuführen, dass der Psychotiker Libido
vom Objekt abzieht und sich durch Autoerotismus selbst zuwendet. Dann versucht er
neuerlich, sich dem Objekt zuzuwenden, was ihm jedoch mit dieser Restlibido nur defekt
oder „leer“ gelingen kann.
JEDER IST VERRÜCKT, TOUT LE MONDE EST FOU
Est tout le monde fou?
Wir leben in einer Zeit der Entdifferenzierung und Entpathologisierung. Man sagt, jeder ist
verrückt. Dementsprechend bezieht sich Jacques-Alain Miller 1995 in seinem Vortrag
L’invention du délire (im Deutschen: Die Erfindung des Wahns) auf zwei Begriffe: das
Elementarphänomen und das Wahnbinom. Alle Menschen tragen dieses Binom bzw. Axiom
unumstößlich in sich. Wichtig ist, sowohl für die Klinik wie auch für den wissenschaftlichen Diskurs, dieses primäre Element zu lokalisieren und beim Wort zu nehmen. Etwas
Grundlegendes passiert dabei im Subjekt, wenn ein Axiom, das bislang unhinterfragt war,
auftauchen kann. Geweckt durch ein Déjà-vu- oder Déjà-entendu-Erlebnis kann irgendetwas
Unvorhergesehenes geschehen und Ratlosigkeit oder Perplex-Sein auslösen – im Sinne eines
Zeichens, das einen Signifikanten enthält. Und nun erwacht ein Elementarphänomen, ein
ganz persönliches Zeichen, das unverständlich und rätselhaft bleibt, und dem nicht zu
entkommen ist.
Hier ist die Bewegung, der Schub zur Erfindung des Wahninhalts, – dem das Subjekt vorher
passiv ausgeliefert war, nun gerettet durch Fantasie, Reproduktion und Erfindungsarbeit im
Sinne des Selbstheilungsversuchs von Freuds Der Aufbau des Wahns –, ein Moment, das
Lacan das fruchtbare Moment nennt: Metapher und Metonymie sind lahmgelegt. Statt
Erleichterung durch ersetzendes und verschiebendes Denken entsteht diffuse Verwirrung.
Die Erfindung des Wahns löst diese Spannung. Und in diesem Elementarphänomen ist ein
Signifikant, mit dem gearbeitet werden kann.
Hat nicht Freud gesagt, dass das Subjekt in der Psychose versucht, jenseits oder andernorts
der Vaterfunktion seine Berechtigung zu finden, also ohne die Vaterfunktion auszukommen?
Es ist die Fantasie, die alles zusammenhält, sagt Freud (1924/1969, 363-368). Man meint
heute allgemein, dass das Subjekt der Psychose näher wäre, womit die Bereitschaft zur
Entdifferenzierung und Grenzaufhebung gemeint ist. Die Rede jedes einzelnen in der Analyse
dreht sich jedoch weiterhin um die Angst vor dem Verlust der Grenzen.
Die Aufhebung des Namens-des-Vaters, des Gesetzes, hat allgemein das Subjekt in seiner
Struktur, im Instanzenmodell, nicht erreicht. Jedoch erlauben es die normativen
Vorstellungen, die dem Menschen mit dem Namen-des-Vaters zur Verfügung gestellt
werden, durch ihre Aneignung, sich den Unsicherheiten des Lebens zu stellen. Wird dieser
fundamentale Signifikant verworfen, fehlt dem Psychotiker ein elementares Inventar an
Antworten – auch in Bezug auf seine Existenz. Denn die Signifikantenkette benennt dann
nicht mehr, worum es geht, und somit geht das Identitätsgefühl verloren. Die unerträgliche
Spannung wird durch das Auftreten eines Signifikanten von außen, der die Unterbrechung
benennt, gelöst. Dies ermöglicht nach Lacan die Bildung eines Phantasmas, das vor allem in
der Psychose einen vierten Ring konstituiert, der zu den drei Ringen des Borromäischen
Knotens, des Imaginären, des Symbolischen und des Realen, hinzukommt und den Zusammenhalt des Subjekts repräsentiert. Entsprechend Freuds psychischer Realität, wirkt
diese Erfindung im Sinne einer der Namen-des/-der-Väter.
In der Sprachstörung des schizophrenen Menschen zeigt sich der Kern der Psychose. Das
Subjekt ist nicht mehr in der Lage, ausreichend viele Stepppunkte zu halten. Die Signifikate
gleiten unter die Signifikanten, ähnlich verlustig gegangener Tapezierknöpfe eines Möbels,
die Füllung rutscht ohne Halt, die Bedeutungen sind verloren gegangen.
Lacan (1981/1997, 110) sagt, dass sich hier Signifikat und Signifikant in einer delirierenden
Metapher stabilisieren, was eben dieses delirante Erscheinungsbild erzeugt bzw. die
kaskadenartige Verwendung von Worten, Neologismen und holoblastischen Worten – das,
was man Organsprache nennt, da die Bedeutung verloren geht.
Es kommt zum Zusammenbruch des Imaginären, zur Begegnung von Subjekt und
Signifikanten – nur mehr das existiert: „Der reine Signifikant!“, sagt Lacan im Seminar III
(1981/1997, 284). Die Sprache des Psychotikers ist wie ein Parasit, der sich kultiviert.
Die Klinik zeigt weiters: Bei allen Neurosen kann man davon ausgehen, dass keines der drei
Register ausfällt. Sowohl Symbolisches, Imaginäres und Reales sind fest miteinander
verknüpft samt dem Symptom. Dagegen zerfällt bei den Psychosen diese trinitarische
Struktur, sofern sie nicht wahnhaft wiederhergestellt wird. Im Falle der Hysterie kann weder
von einem Ausfall noch von einem Rückzug von der Realität gesprochen werden. Und doch
ist Rückzug und endlose Suche nach dem Gesetz für die Hysterie typisch.
Da gibt Freud die Antwort, der Rückzug in der Hysterie sei nie ein totaler, im UBW sind
immer „Spuren der Objektbeziehung vorhanden“ (Freud 1915, 303). Selbst die Zweifel sind
nicht ein Zeichen des fehlenden Gesetzes des Subjekts, sondern nur eine NICHTGEWISSHEIT.
Der Neurotiker hingegen genießt, indem er den Anderen vereinnahmt. Der Schizophrene
zieht sich wiederum in der Katatonie völlig auf sich selbst zurück und der Paranoide
überschwemmt sein Körperbild mit Libido. Das ist Hypochondrie oder Abwehr gegen die
homosexuelle Liebe zum Vater wie bei Dr. Schreber (1903) – das alles trotz der Möglichkeit
einer drohenden Katastrophe.
Und nun der Versuch eines psychoanalytisch-dynamischen Zugangs einer möglichen
Verortung der generalisierten Psychose.
Lacan schreibt von seinem Sommeraufenthalt in St. Tropez an Donald W. Winnicott:
Bien cher ami,
Und dennoch fühle ich mich durch Ihre Untersuchungen inhaltlich und stilistisch
bestätigt und ermutigt. Bezeichnet nicht das Übergangsobjekt, dessen Vorzüge
ich den Nahestehenden gezeigt habe, den Ort, an dem zuvor diese
Unterscheidung des Begehrens zum Bedürfnis markiert ist? [Übers. v. Bernstein-
Wolf 2023] (Lacan 1962/63). 2
Vielleicht ist es dieser Raum des Übergangs, in dem das Subjekt der blanden Psychose noch
oder wieder ungestört verharrt? Ein intermediärer Raum in dem sich das Begehren der
Mutter noch ungestört durch Symbolisierung entfalten kann?
Das Realitätsgesetz ersetzt niemals das Lustprinzip. Winnicott hat, gesteht ihm Lacan
bewundernd zu, die Dialektik des unpersönlichen Lust- und Realitätsprinzips durch die
beiden Lebensgestalten von Mutter und Baby ersetzt (Lacan 1956/57, 37-39).
Die Mutter muss, sagt Winnicott, im Moment der deliranten Halluzination des Kindes das
reale Objekt anbieten, um wettzumachen, was nicht da ist. Der Säugling durchlebt nach und
nach mit der Frustration des Rückzugs der Brust einen ersten Mangel und versucht diesen
Verlust auszugleichen, und zwar imaginär. Das verloren gegangene Objekt, das niemals
wiedergefunden wird, bleibt eine Illusion.
Winnicott sieht hier, um den Aufprall zu dämpfen einen Übergangsraum, einen
Zwischenraum, einen Raum der Möglichkeit, intermediär eine Halbexistenz, imaginär,
zwischen Realität und Nicht-Realität.
Die Phase der primären Mütterlichkeit, des Übergangsphänomens, um das mit der Trennung
verbundene Vernichtungsgefühl zu ertragen, wird in der Klinik die große Unterscheidung
zwischen Lacan und Winnicott werden. Denn die Leere, die der latent psychotische Patient
irgendwann in sich selbst antrifft, füllt Winnicott mit einem mütterlich-haltenden Zug des
Psychoanalytikers, Lacan jedoch mit einer entsagenden „blinden“ Rolle des Analytikers, da
das Erkennen der inneren Leere und die Auflösung aller identifikatorischen Beziehungen zur
Befreiung der unbewussten Wünsche des Subjekts und schließlich zur subjektiven Wahrheit
des Analysanden führen werden.
Winnicott jedoch nahm an, dass das, was Mütter natürlich taten, was tatsächlich nicht
gelehrt werden kann, ein Modell für das Können eines Psychoanalytikers sei. Wesentlich ist
jedoch, um keinen Irrtum entstehen zu lassen, dass Winnicott die Mutter-Kind-Beziehung
immer als eine imaginäre gewusst hat.
Lacan führt weiter aus, dass der Säugling mit der Brust nicht nur diese aufgibt, sondern
ebenso den Teil seiner selbst verlieren wird , der mit der Brust identifiziert war. Und rund
um dieses verlorene, übertragbare Objekt erschafft Lacan sein Grundphantasma. Er verliert
etwas von sich selbst und steht gleichzeitig einem Objekt gegenüber, das etwas von seinem
Körper in sich trägt. Er hat die Brust zu einem Teil seiner selbst gemacht. Dieses Objekt, das
ein immer im Verschwinden begriffenes ist, wird von Lacan in einer Auseinandersetzung mit
Winnicott, Seminar X (1962/63), Angst, als Objekt a vorgestellt, das vielmehr Begehren
verursacht, als Ort und Gegenstand des Begehrens zu sein.
S barré Raute a zeigt, wie das gespaltene Subjekt durch die Zirkulation von Fantasie im
Objekt a verhakt ist. All diese Bewegungen und drohenden Verluste, wie Frustration und
Vernichtungsgefühl zirkulieren im Übergangsraum, in dem Lacan die Unterscheidung
zwischen Begehren und Bedürfnis markieren wird. Bis hierher folgt Lacan Winnicott.
An dieser Stelle erscheint es nun sinnvoll, dieses Halbpsychotische des
Übergangsphänomens aufzugreifen. Dort wo Begehren und Anspruch ihre Unterscheidung
finden.
Bleibt man bei Winnicotts dyadischer binärer Beziehung, belässt man die symbolisierende
Aufgabe bei der Mutter und löst sich kurz für diese Gedankenfolge von der vorgegebenen
triadischen, ödipalen Struktur, wird es vorstellbar, dass hier ein Raum für Wahnsinn, für
psychotische Strukturen geschaffen wird, die bland oder generell bezeichnet werden
können. Hier beginnt sich Lacan von Winnicott wesentlich zu entfernen. Er besteht darauf,
dass die dyadische Struktur über ein Drittes vermittelt wird und der symbolische Vater in der
psychischen Welt der Mutter von Beginn an wesentlich existiert.
Es gibt keine Dyade Säugling- Mutter, der triangulierende Dritte ist im Begehren der Mutter
und somit auch im Raum des Säuglings von Anfang an da, sagt Lacan.
Das widerspricht nicht einer Gedankenfolge, dass hier, wie Lacan am 5. August 1960 an
Winnicott schreibt: „au dehors vous ne pouvez pas savoir tout ce que j‘ai que construit“
(„können Sie nicht wissen, was ich alles auf einer so einfachen und grundlegenden
Unterscheidung wie der des Begehrens und des Anspruchs aufgebaut habe. Dieses
Übergangsobjekt, dessen Vorzüge ich den Meinen gezeigt hätte, weist das nicht auf den Ort
hin, an dem sich diese Unterscheidung des Begehrens und des Anspruchs (du desir par
rapport au besoin) abzeichnet? Selbst, wenn ich nicht die Zeit dazu hätte, weiß ich, dass ein
Impuls an eine Gruppe gegeben wird, in der eine Richtung lange genug bewahrt wird, um
weitergegeben zu werden, selbst wenn man ihren Ursprung vergisst“.
Im Seminar X führt Lacan aus:
Monsieur Winnicott macht einfach nur darauf aufmerksam, dass wir uns immer
stärker für die Funktion der Mutter interessieren und dass wir sie für absolut
entscheidend halten in der Aufnahme der Wirklichkeit durch das Kind. Das heißt,
den dialektischen und unpersönlichen Gegensatz der zwei Prinzipien
Realitätsprinzip und Lustprinzip haben wir durch Akteure ersetzt“ und weiter
„das Lustprinzip haben wir mit einer bestimmten Objektbeziehung identifiziert,
nämlich der Beziehung zur mütterlichen Brust, und das Realitätsprinzip
wiederum mit der Tatsache, dass das Kind lernen muss, die Brust zu entbehren
(Lacan 1962/63).
Den Nullpunkt des Wahnsinns als Referenzpunkt einer quantitativen Angabe wie in der
Temperaturskala gibt es nicht. Es kann nur eine Annäherung bleiben. Geht man davon aus,
dass eine fundamentale Verwerfung der ersten Bejahung den Dritten ausschließt, ihn zu
einem Schatten werden lässt, einfriert, droht durch Fixierung die Regression des Subjekts in
das Begehren der Mutter, in die Binarität. Es hat die universale Verwerfung der Als-ob
Binarität entweder wieder hergestellt oder im konkreten Falle einer latenten Psychose
aufrechterhalten. Ist dort der Nullpunkt des Wahnsinns zu suchen?
Phänomenologisch zeigt das Möbiusband das Innen und Außen. Geht man dem Band
beginnend außen entlang, ist man, ohne seine Richtung zu ändern auch innen, ebenso
umgekehrt. Keine Unterscheidung zwischen Innen und Außen ist möglich.
Chantal Akerman, die belgische Filmemacherin, sagt über ihre Verrücktheit sehr treffend „es
ist kein Loch in meinem Stoff, der Stoff (meines Seins) ist marod“ (Akerman 2013, 96). In
Meine Mutter lacht (Ackerman 2013) beschreibt sie ihre Aussichtslosigkeit, dem
mütterlichen Begehren zu entkommen „Da ist nichts, worüber ich zu reden hätte und es ist
das Nichts, an dem ich mich abarbeite“. Die Tochter wehrt dieses Nichts der Mutter manisch
ab. Eine manische Abwehr zur Wiedergutmachung. Ein Jahr nach dem Tod ihrer Mutter
nimmt sich Chantal Akerman das Leben.
Abschließend
Es kann vermutet werden, dass Lacan heute auf die unterschiedlichen Diskurse, die die
Funktion des Vaters in Frage stellen, vielleicht so antworten würde:
Wenn die Mutter-Kind Dyade keine Störung erfährt durch den Dritten, der das ethische
Gesetz einführt, das Inzestverbot, wenn die symbolische Figur des Vaters nicht mehr
aufgreifbar ist, nicht dazwischentritt, was könnte dann das Kind vor dem Untergang in
seinem imaginären Universum schützen als die Psychose?
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Vortrag:
Psychosen
15. September 2024
Institut für Philosophie, Psychoanalyse und Kulturwissenschaften, Berlin